Interview mit Birgit Kelle – “Dann mach doch die Bluse zu”

Heutiger Beitrag ist ein schriftliches Interview mit der bekannten Autorin Birgit Kelle, welche mit ihrem Buch “Dann mach doch die Bluse zu“ auf die “Herrenwitz-Affäre” um Rainer Brüderle und die Stern-Reporterin Laura Himmelreich vor ca. einem Jahr reagierte:

Kelle_Birgit_Dann_mach_doch_die_Bluse_zu_Cover_04_07_2013Sind Sie aufgrund Ihrer Vita, als Deutsche die ersten 9 Lebensjahre in Rumänien aufgewachsen und daher möglicherweise zunächst anders “sozialisiert” worden zu sein, Ihrer Meinung nach wesentlich beeinflusst worden in Ihrer Sicht auf die Rolle der Frau und die damit verbundene öffentliche Diskussion hier in Deutschland? Und wenn ja, in welcher Hinsicht?

Ich glaube, meine Kindheit in Rumänien hat mich im Nachhinein eher politisch als persönlich beeinflusst. Die Verhältnisse dort waren in etwa vergleichbar mit denen in der früheren DDR. Es war selbstverständlich, dass Kinder in eine Krippe kommen, Frauen berufstätig sind. So betrachtet hatte ich in meiner Familie eher das Vorbild einer berufstätigen Mutter, es war normal. Hier in Deutschland wird mir ja von Menschen, die mich nicht kennen, gemeinhin unterstellt, ich käme wohl aus so einer klassischen, christlich-verblendeten Familie mit einer Mutter, die Heimchen am Herd war und würde also auf Grund meiner Erziehung so denken, wie ich es tue. Mir hat in meiner Kindheit nichts gefehlt und ich war auf dem besten Weg, eine Karrierefrau zu werden, so hatte ich mir mein Leben vorgestellt. Aber dann habe ich Kinder bekommen und dachte plötzlich anders. Das hat nichts mit meiner Erziehung zu tun, es war auch für mich eine Überraschung, dass sich meine Prioritäten im Leben durch ein Kind verändert haben. Insofern glaube ich nicht, dass meine Herkunft aus Rumänien mich in dieser Hinsicht persönlich geprägt hat.

Was mich allerdings politisch sehr nachdenklich stimmt, ist dieser Druck in Deutschland, mit dem man Frauen in die Berufstätigkeit drängt und ihnen die Kinder so früh wie möglich entzieht. Dies erinnert mich leider sehr stark an kommunistische Systeme wie das in Rumänien oder auch in der DDR. Da haben wir also über Jahrzehnte diese Systeme bekämpft, sie als unmenschlich gebrandmarkt und sind doch gerade dabei, ähnliches im „freien Westen“ wieder aufzubauen. Es fehlt in der familienpolitischen Debatte nur noch ein Revival der DDR-Wochenkrippen, dann sind wir wieder dort, wo man einmal weg wollte. Die SPD kämpft um die „Lufthoheit über den Kinderbetten“, wie es Olaf Scholz einmal nannte. Die LINKE schwelgt immer noch in alter DDR-Nostalgie, die FDP spielt ebenfalls mit, weil sie die Frauen für die Wirtschaft will. Sogar die CDU glaubt inzwischen, Frauen im Beruf und Kinder in der Krippe sei „modern“. Allein die CSU hat noch die Familien im Blick, die das tun, was Menschen seit je her getan haben: Ihre Kinder selbst großzuziehen.

Es ist und war ein Kennzeichen totalitärer Systeme, sich so früh wie möglich der Kinder eines Volkes zu bemächtigen und sie staatlich, anstatt familiär großziehen zu lassen. Ich finde es beängstigend, mit welcher Zielstrebigkeit wir gerade in Deutschland daran arbeiten, unsere Kinder ebenfalls in staatliche Hände zu überreichen.

Birgit Kelle

Birgit Kelle

Was hat Sie am meisten aufgeregt an der Sexismus Debatte, ausgelöst durch den “Herrenwitz” von Rainer Brüderle, und weshalb fühlten Sie sich konkret in dieser Situation dazu veranlasst, Ihr Buch “Dann mach doch die Bluse zu” zu schreiben?

Ich fand diese ganze Sexismusdebatte völlig überzogen und der Erfolg meines Artikels dazu zeigt, dass ich damit wohl nicht alleine stand. Plötzlich waren alle Frauen Opfer und alle Männer Täter. Jede Bagatelle, jedes falsche Wort und jeder falsche Blick waren plötzlich Sexismus. Zum einen gingen dadurch alle ernsthaften Fälle unter in der Diskussion, denn es gibt ja sehr wohl Frauen, die Opfer von Sexismus werden. Zum anderen waren mir die Fronten zu glatt gezogen. Wir haben mit zweierlei Maß gemessen und allein ausschlaggebend war, wie Frau das Verhalten eines Mannes interpretiert oder gar empfindet, und nicht, wie ein Mann es gemeint haben könnte. Sogar vor Strafgerichten gilt zunächst die Unschuldsvermutung – in dieser Debatte nicht, da war jeder Mann von vornherein ein Schwein. Wie scheinheilig das ist, kann man an einem einfachen Gedankenspiel zeigen. Was wäre, hätte an diesem besagten Abend nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney diese Journalistin mit den gleichen Worten angesprochen? Immer noch Sexismus, oder dann doch ein heißer Flirt? Auch diese künstliche Aufregung darüber, dass Männer Frauen als Frauen wahrnehmen. Da saßen also die Mädchen von „aufschrei!“ in TV-Sendungen und gaben solchen Unsinn von sich wie: „Jedes Kompliment ist Sexismus“ – weil es die Frau auf ihr Äußeres reduziere. Was für ein Schwachsinn. Also ich höre gerne Komplimente, Millionen andere Frauen auch. Wir tun genau genommen sogar eine ganze Menge, um die Aufmerksamkeit der Männer sehr genau auf unser Äußeres zu lenken. Ich hab noch keine Frau gefunden, die sich nur für sich abends frisiert und schminkt und in Schale wirft, um dann alleine mit Chips und Cola vor dem Fernseher zu sitzen. Natürlich tun wir das, um gesehen zu werden, weil wir die Aufmerksamkeit von Männern erregen wollen. Und das ist auch völlig legitim in meinen Augen. Aber jeder Frau muss klar sein, dass sich möglicherweise auch Männer angesprochen fühlen, die wir gar nicht gemeint haben. Eine selbstbewusste Frau kommt aber denke ich damit zurecht. Vieles, was hier unter dem Label „Sexismus“ diskutiert wurde, war auch einfach schlechtes Benehmen, oder missglückte Annäherungsversuche. Schlechtes Benehmen gibt es allerdings auch bei Frauen. Oder um es mit den Worten eines Freundes zu sagen: „Wer einmal als Mann an Weiberfastnacht in eine Horde betrunkener Frauen geraten ist, der weiß, dass lustig etwas anderes ist“. Tauschen Sie da mal die Rollen: Eine junge Frau in einer Horde betrunkener Männer, es wäre automatisch ein Fall für den Richter, vom Mann erwarten wir aber, dass es ihm gefällt.

Welche Ziele und Inhalte hat der in Ihrer Signatur genannte Verein “Frau 2000plus”? Haben Sie diesen gegründet bzw. was möchten Sie konkret mit und durch diesen erreichen?

Der Verein „Frau 2000 plus“ ist entstand aus einer Frauenrunde. Wir waren frustriert, dass jedes Mal, wenn es in Deutschland auch nur im Geringsten um die Frage Frau und Familie ging, immer die gleichen Frauen gefragt wurden. In der Regel waren es kinderlose Frauen, die keine Ahnung hatten, was uns als Müttern wichtig war. Sie stellten Forderungen, die nicht unsere waren; schlimmer noch, sie stellten Forderungen, die dem widersprachen, was wir dachten und bis heute denken. So haben wir beschlossen: Wenn wir wollen, dass in unserem Sinne Politik für Frauen und Familien gemacht wird, dann müssen wir endlich selbst die Stimme erheben. Wir müssen uns zu Wort melden. Unser Anliegen ist es also, für einen Feminismus zu kämpfen, in dem wir unsere Mutterrolle nicht verleugnen müssen, wo wir Frauen sein dürfen, weiblich sein dürfen und nicht gezwungen sind, im Sinne einer fragwürdigen Emanzipation die gleichen Lebenswege wie unsere Männer einzuschlagen. Das ist keine Gleichstellung, sondern Gleichmacherei. Auch auf Europaebene ist dies ein Thema, deswegen bin ich auch im Vorstand des europäischen Dachverbandes „New Women For Europe“. Denn obwohl die EU eigentlich keine Kompetenz in Sachen Familienpolitik hat, werden hier dennoch zahlreiche Weichen gestellt. Denken Sie nur an die Frauenquote, die in Brüssel gefordert wird, oder an die Erhöhung des Frauenerwerbsanteils, den man sich europaweit auf die Fahnen geschrieben  hat als Allheilmittel. Der Europäische Rat musste sich 2010 im Ausschuss für Gleichstellung monatelang mit der Eingabe einer Abgeordneten befassen, die gefordert hatte, man solle Frauen in der Werbung nicht mehr als Mütter oder Hausfrauen darstellen, weil dies sexistisch sei und Stereotypen fördere. Monatelang! Ich bin also mit meinen vier Kindern eine „sexistische Stereotype“, die manche am liebsten aus dem Erscheinungsbild der EU streichen würden. Deswegen müssen wir auch auf EU-Ebene darum kämpfen, das sein zu dürfen, was wir sein wollen: Frauen und Mütter.

Ein Gedanke zu „Interview mit Birgit Kelle – “Dann mach doch die Bluse zu”

  1. Wir stimmen dem Kommentar zu, sind jedoch der Meinung, wenn Großeltern
    da sind , können diese teilweise sehr gut Mutter und Vater unterstützen, arbeiten zu gehen.

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